Kurzlehrbuch Chirurgie (Thieme)

Das „kompakte“ (ca. 900 Seiten starke) Standard-Chirurgie-Lehrbuch von den Herausgebern Schumpelick, Bleese und Mommsen ist mittlerweile in der 8. Auflage zum 25-jährigen Jubiläum erschienen. Das Lehrbuch stellt eine komplette inhaltliche (und konzeptuelle?) Neubearbeitung dar und reiht sich damit vom Design und Aufbau in die Serie der Thieme-Kurzlehrbücher ein. Die Fans der Reihe werden sich durch die vielen Piktogramme sicherlich gut im enggetexteten Layout zurechtfinden. Diejenigen, die zum ersten mal mit einem Klinik-Kurzlehrbuch von Thieme arbeiten, werden wahrscheinlich etwas erschlagen von der Textlastigkeit und den kleinen Abbildungen (im Gegensatz zum Beispiel zu der Dualen Reihe) – man gewöhnt sich aber daran.

 

Durch das gesamte Vielautoren-Buch zieht sich ein identischer Kapitelaufbau: Einleitend wird ein (konstruierter) „klinischer Fall“ vorgestellt, der einen in der groben Thematik willkommen heißt und mitunter auch sehr gelungen die Vielfalt z. B. der Herzchirurgie vorstellt: Anzeichen, Symptome, Diagnose, Therapiemöglichkeiten, Komplikationen. Schön ist auch, dass immer ein PJ-Student, Theresa oder Jens von Nebenan – eben Personen wie wir sie auch sein könnten – mitspielen.

Die Key-Points (Bild: Auge mit Buch) zu Beginn eines jeden Unterkapitels stellen jeweils eine kurze Einführung dar, die hilft, den Stellenwert eines jeden Verfahrens einordnen zu lernen. Die vielen eingestreuten Praxistipps (laufendes Auge) weisen auf besondere Aspekte und Kontraindikationen der Behandlungen hin. Abgerundet wird dies mit dem Check-up (Auge mit X), bei dem in kurzen Halbsätzen die wichtigsten Aspekte des Unterkapitels zusammengefasst werden.

Dazu kommen noch „Merke“-Abschnitte, die oft hilfreiche Zusammenhänge deutlich machen („Chronische Pankreatitis: Operation bei Ikterus, therapieresistentem Schmerz und Tumorverdacht.“), oft aber auch überflüssig scheinen („Mammakarzinom: So radikal wie nötig, so kosmetisch wie möglich operieren!“).

Im Anschluss vieler Kapitel finden sich „OP-Atlanten“, in denen knapp die Prinzipien der einzelnen OPs dargestellt werden. Um die grundliegenden Unterschiede z. B. der OP-Verfahren bei Leistenhernien zu verstehen, ist dies eigentlich ausreichend.

 

Das Lehrbuch erhebt den Anspruch, das gesamte prüfungsrelevante Wissen der Chirurgie zu umfassen – und das ist viel! 11 Teildisziplinen werden abgedeckt – von Allgemein- bis Verbrennungschirurgie. Dabei sind auch Neurochirurgie, onkologische Chirurgie und Transplantationschirurgie, denen eigene Kapitel zugute gekommen sind.

Tatsächlich ist das Buch trotz der Kompaktheit ziemlich umfassend und erwähnt zumindest fast jedes (relevante) Krankheitsbild und Verfahren. Leider kommt die Pathophysiologie und die Krankheitsgenese an sehr vielen Stellen zu kurz – es handelt sich eher um eine Auflistung der Krankheitsbilder, als um eine gut nachvollziehbare Beschreibung der Geschehnisse. Fakten hingegen werden komplett dargelegt, wie die in Prüfungen gerne abgefragten Klassifikationen. Oft jedoch wird im Text nur auf eine Tabelle verwiesen, was natürlich Platz spart, aber das Lernen doch recht schwierig macht. Prometheus-Freunde werden sich über einige entliehene Abbildungen aus dem Atlas freuen. Zudem findet man neben den oben erwähnten OP-Atlanten viele Schemazeichnungen, Fotos und Röntgenbilder von Erkrankungen und Verfahren.

Es stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Anspruch des Buches: Soll es die komplette Chirurgie in ihren Einzelheiten abbilden, oder soll man durch das Buch einen guten Überblick über die Thematik bekommen, dass man in den Prüfungen besteht kann? Letztendlich bietet das Buch einen Mittelweg der beiden Lösungen: es stellt die Krankheitsbilder und Therapien vor und geht dabei nicht zu sehr ins Detail. Leider geht durch die Stoffdichte wiederum der Überblick an vielen Stellen verloren.

 

Wer profitiert von dem Buch? Zur Wiederholung für eine Prüfung oder zum Nachschlagen ist das Kurzlehrbuch Chirurgie wohl sehr gut geeignet. Wer es zum primären Lernen nutzen möchte, muss es mögen, Tabellen auswendig zu lernen und weniger zusammenhängenden Text zu wälzen.

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