Neurologisch-topische Diagnostik

Neurologisch-topische Diagnostik

Anatomie – Funktion – Klinik

 

Mathias Bähr, Michael Frotscher

 

10., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2014
560 S., 397 Abb., Broschiert
ISBN: 9783135358109

 

€ 39,99

 

Das Thieme-Taschenbuch Neurologisch-topische Diagnostik wird bereits zum zehnten Mal aufgelegt und punktet einerseits durch den gewohnten Aufbau mit Fokus auf das Zusammenspiel von Struktur und Funktion, und andererseits durch den Zusatz klinischer Beispiele.

Neurologisch-topische Diagnostik bezeichnet das Vorgehen, die Kunst, von der klinischen Erscheinung (Symptome) auf den Ort der Störung (Topologie) zu schließen, und dies gegebenenfalls als Gesamtbild einem Krankheitsbild zuzuordnen (Diagnostik). Und genau dies soll dieses Buch lehren.

 

Das Lehrbuch trägt den Untertitel Anatomie – Funktion – Klinik, was sehr treffend den Inhalt und den Aufbau beschreibt. Es ist gegliedert in elf Kapitel, die sich teils nach funktionellen, hauptsächlich aber nach den neuroanatomischen Einheiten richten. Neben einer histologisch-physiologischen Einleitung finden sich die Kapitel zum sensiblen und motorischen System, die sich eher auf die Leitungsbahnen in das und ab dem Rückenmark bis in die Peripherie beziehen. Kapitel 4-9 beziehen sich auf die neuroanatomischen und entsprechend funktionellen Einheiten Hirnstamm, Kleinhirn, Zwischenhirn/Vegetativum, limbisches System, Basalganglien und Großhirn. Es schließen sich noch die Kapitel zu den Hirnhäuten und Liquorräumen sowie ein umfangreiches Kapitel zur Gefäßversorgung im ZNS an.

 

Die Kapitel sind jeweils gegliedert in einer Darstellung der neuroanatomischen Verhältnisse: Die makroskopische Anatomie gibt einen Überblick, der häufig durch, wie ich finde, hilfreichen schematischen Abbildungen und Zeichnungen verbessert wird. Zum Teil finden sich noch phylogenetische und embryogenetische Kommentare zu den Hirnstrukturen. Es schließt sich ein histologischer Teil an, der auf die funktionellen Einheiten Bezug nimmt. Die funktionellen Bezüge werden im recht detaillierten Überblick zu den Hirnfasernbahnen bzw. Regelkreisen konkret behandelt und im Abschnitt zur Funktion in die lebensweltliche Phänomene – also wofür das neurologische Gebiet eben gut und wichtig ist – übersetzt wird. Die Schilderung der Funktion ist meiner Meinung nach ansprechend und verständlich gelungen. Häufig wurde darin das Interesse für einen Rückbezug auf die zugrunde liegende funktionelle Anatomie und Histologie geweckt, etwa wenn man sich eigentlich aus klinischer Sicht auf die Funktion eines Hirnbereichs beschränken wollte. In der Darstellung der Klinik wird die Trias abgerundet, indem direkt und häufig im fließenden Übergang auf die geschilderte Funktion Bezug genommen wird und eben beschrieben wird, was passiert, wenn das neurologische Gebiet nicht wie gewünscht arbeitet. Dabei wird regelmäßig auf neurologisch-klinische Tests zur Syndromdiagnostik hingewiesen, was für den angehenden Kliniker (uns Studenten im U-Kurs) besonders wertvoll ist. Die Klinik erschöpft sich jedoch nicht in der Beschreibung der Dysfunktion, sondern es werden natürlich noch die neurologischen Erkrankungen behandelt, die die entsprechenden Symptome mit sich bringen. Hierbei gibt es auch Hinweise auf weitere (apparative) Hilfsmittel zur Diagnostik und differentialdiagnostischen Abgrenzung. Es muss jedoch darauf aufmerksam gemacht werden, dass es sich bei der Beschreibung der Klinik nicht um eine umfassende Krankheitsbeschreibung handelt, sondern um eine Darstellung der Symptome, zum Teil mit Rückbezug auf die neuroanatomisch-histologischen ätiologischen Korrelate. Daher erscheint der Teil Klinik nicht nur jeweils relativ kompakt und dicht, sondern auch kurz. Ich hatte häufig das Gefühl, dass gerade nun an der interessanten Stelle das Thema zum nächsten Syndrom wechselte, was oft unbefriedigend war. Zwar wurden in dieser Auflage viele Beispiele zu Krankheitsgeschichten eingefügt, die einen mustergültigen „Vollbild“-Eindruck der Erkrankung geben sollen. Sie dienen als gute Illustration, vor allem durch zahlreiche Abbildungen aus der Bildgebung. Inhaltlich reichen sie meines Erachtens nach jedoch nicht über die theoretische Beschreibung hinaus.

Der Kritikpunkt der knappen Darstellung der Klinik ist nur bedingt valide, da es sich mit dem Lehrbuch einerseits um ein Taschenlehrbuch handelt, andererseits, und dies ist der Hauptaspekt, um eine Hilfestellung zur Diagnostik. Somit sei für jene Neugierde natürlich auf umfassendere Neurologiebücher verwiesen – für eine gute Kaufentscheidung wollte ich diesen Eindruck jedoch nicht vorenthalten.

 

Die Neuauflage präsentiert sich übersichtlicher als die Vorversionen, mit vielen Farbkodierungen und klar erkennbaren Trennungen zwischen den verschiedenen inhaltlichen Abschnitten zu den jeweiligen Themen. Dennoch erscheint das Buch weiterhin gedrungen voll mit vielen Textzeilen: es bleibt ein Lehrbuch, in dem der hoch komplexe Inhalt kompakt dargestellt wird, Vereinfachungen vermieden und auf systematische Differenzierungen geachtet wird. So werden die gesetzten Ziele – Anatomie, Funktion, Klinik – sicherlich durch die umfassende und detailreiche Bearbeitung erreicht, darüber hinaus – etwa Prognose, klinische Scores, Diagnosekriterien, gar zu Schweigen von Therapie – wurden jedoch klare Grenzen gezogen.

 

Wie nützlich ist dieses Buch nun also? Die Frage muss sich danach richten, für wen das Buch nützlich ist. Als Lehrbuch zur neurologischen Diagnostik leistet es sicherlich hervorragende Dienste. Es werden alle klinisch – und ich möchte behaupten für die Vorklinik – relevanten neuroanatomischen Aspekte detailliert und gut strukturiert dargestellt. Die Bezüge zur Funktion und Klinik sind sehr gelungen. Das Buch bietet also eine klasse Vorbereitung auf die allgemeine und spezielle Tätigkeit in der Neurologie – sei es in der Famulatur, im PJ oder selbst in der Weiterbildung. Ich betone Lehrbuch, da ich denke, dass es als Nachschlagewerk zur Diagnostik zwar auch gute Dienste leisten kann, jedoch durch seinen Aufbau ausgehend von der anatomisch-funktionellen Einheit eher nicht den direkten diagnostischen Überlegungen folgt. Dafür hätte der Aufbau symptomorientiert (und nicht etwa syndromorientiert) sein müssen. Durch dieses Buch lernt man also zunächst mögliche Syndrome – entsprechend neurologisch-funktionellen Einheiten – und kann durch dieses Wissen selber die gewünschte Kunst der Verknüpfung von Klinik und Topologie herstellen: ein tiefschürfender Prozess, der einen letztlich aber wohl mit einem tieferen und besseren Verständnis lässt, als eine reine Symptomlehre.

 

Zusammenfassend ist das Buch sehr empfehlenswert, für alle, die

– Neuroanatomie mit klinischen Aspekten lernen wollen,

– Neurologie nicht nur oberflächlich lernen, sondern auf die Anatomie zurückgreifen wollen,

– Freude an der klinischen, neurologisch-topologischen Untersuchung haben.

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